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Donnerstag, 11.12.2008, 02:05

Du schläfst ein.
Mit einer gewissen Angst im Nacken, die dich seit Tagen begleitet.
Du wusstest schon längere Zeit, dass dieser Tag kommen würde... "der große Tag", an welchem ein medizinischer Eingriff an deinem eigenen Körper vorgenommen wird, ohne deine (geistige) Anwesenheit.
Du kannst es nicht kontrollieren, merkst nicht, was sie tun.
Du weißt nur, wenn du aufwachst ist alles gut...
Du hast danach noch ein paar Wundschmerzen und spätestens 2 Wochen danach ist alles schon wieder fast vergessen...

Ich wachte auf.
Ich sah ein grelles Licht, welches genau in mein Gesicht blendete - so stark, dass es mir nicht möglich war, die Augen nur einen halben Millimeter zu öffnen. Nein! Ich konnte nicht!
Nach und nach wurde mir bewusst, meinen eigenen Körper nicht steuern zu können, die völlige Beherrschung innerlich zu verlieren und niemand bemerkte es...
"Augen auf!" sendete ich den Befehl, "Augen auf!"...
Es geht nicht verdammt... "Streng dich an! Augen auf!"...
Ein Kampf beginnt.
Der Kampf mit dem eigenen Körper.
Bilde ich mir das ein?
Ist es nur ein Traum? Ein furchtbarer Traum?

"Mach deine Augen auf ... ", schrie ich aus voller Kraft, "Deine Augen, es sind doch nur deine Augen...", und niemand hörte es...
Der Bohrer! Das Geräusch!
Unerträgliche Schmerzen dringen durch meinen Körper... beginnend beim Gebissknochen, wo der Arzt den Bohrer ansetzte um sich im Knochen Platz verschaffen zu können, für den großen Eingriff... war es überhaupt ein Bohrer?
"A U G E N !" - es ist furchtbar, wenn man seinen eigenen Körper nicht mehr steuern kann...
verzweifelnd begann ich, Gedanken zu ordnen - vielleicht blockiere ich mich selbst!?
Vielleicht sende ich zuviele Befehle gleichzeitig und um nicht durcheinander zu kommen, tut mein Körper lieber gar nichts... ?!

Der Kampf geht weiter...
Der Kampf gegen diese Schmerzen.
Der Kampf mit dem eigenen Körper und dem eigenen Ich, welches in dir völlig zu brechen droht...

"Füße!" - sogleich ich nur dies gedacht hatte, begannen diese wie wild herumzuschlagen...
- niemand sieht es...
"Füße! Höher! Mehr Kraft!"... welche Kraft?
Die Kraft die gerade vollends verbraucht wird, um den durchdringenden Schmerz zu bekämpfen, den durch Narkosemittel gehemmten, schwachen Verstand unter Kontrolle zu halten, um nicht an völliger Verzweiflung zu sterben?

"Füße! Augen! ... Kopf!", völlig durcheinander versuche ich die Aufmerksamkeit der arbeitenden Ärzte zu gewinnen - und plötzlich... mein Kopf... er bewegte sich: links, rechts, links, rechts... die Geräusche verstummten... "Ist sie munter?", fragte eine Stimme.

"Augen! Augen! Augen!" - sie gingen auf... meine Augen öffneten sich!
Da war dieses Licht! Noch viel greller, als vorher - ja, meine Augen waren nun wirklich offen. Um mich herum standen Menschen... ich konnte nur Umrisse erkennen.
Meine Füße schlugen noch immer wie wild um sich - diesmal aber nicht nur gedanklich!
"Pssssst....", hörte ich seitlich...
Dann streichelte eine Hand meinen Kopf... ich sah ein bekanntes Gesicht! Eine Arztgehilfin. Ich kannte sie schon von den Vorbereitungen auf die Operation.
"Pssssssst..." ...............................................................

..................................................................................

"Nein... Nein!", dachte ich ... "Nicht schon wieder!"
Es verging einige Zeit ... "Schon wieder!" ... kämpfen ... kämpfen ... du kannst das! Kämpfe! Kämpfe!
Diese Schmerzen... diesmal auf der anderen Seite... nein vorne, nein ... doch!
"Bitte hört doch auf! Lass es vorbei sein! Bitte lass es einfach vorbei sein! Lass mich einschlafen... Bitte ...!", flehte ich und wieder hörte mich niemand ...
"Bitte lass mich einschlafen! Einschlafen!!! Ich will schlafen ... einfach schlafen ...!" .....................................
................... nur schlafen ..............................................
......................................................................................

"Gott, das tut so weh ... bitte! Was ist jetzt schon wieder? Ist es endlich vorbei?"
Wieder diese Geräusche.
Diesmal:eine weibliche Stimme ganz nah bei meinem Gesicht: "Ein Wahnsinn... da müssen wir etwas anderes machen..." - was hat sie entdeckt?
Was muss man anders machen? Wie denn?
Ich bin doch wach!!!
Nein, nein... bitte...
Wieder diese Schmerzen. Unerträglich.
Durchdringend.
"Kämpfen!", schrie mein inneres Ich förmlich mit mir!
"Los jetzt! Kopf, Füße, Mund, Augen..." - meine Gedanken und Ängste, meine Befehle an diverse Körperregionen, meine Schreie - wieso hört mich niemand?
Mein Fuß schießt hoch ...
Ich treffe etwas.
Plötzlich ist alles still.

Mein Kopf beginnt wieder: links, rechts, links, rechs...
Plötzlich zwei Hände... diese furchtbaren, sanften, mit Latex bedeckten Hände... sie umklammerten von hinten meinen Kopf, welcher immer wieder nach links und rechts schlug... fester, immer fester umklammerten sie meine beiden Gesichtshälften, sodass ich nun komplett wehrlos war...
Nichts konnte ich mehr ausrichten.
Meine Füße waren wie gelähmt, mein Kopf starr. Meine Augen geschlossen ...
"Ja, ich spritz eh schon nach!", hörte ich den Narkosezuständigen sagen...
........................................................................................
........................................................................................
............. Musik ......................... ich höre Musik ...............
....................... "Piep, piep...", mein Herz schlägt ........... ich lebe ..... ist es vorbei?, ich wage es mich kaum zu Ende denken ..............................................................
"Guten Morgen!", sagte der Anästhesist und zugleich riss ich meine Augen auf. Schockartig.

Meine Füße - ich konnte sie bewegen.
Meine Augen waren offen, mein Mund geschlossen und sehr trocken...
Meine Arme nicht mehr gelähmt.
Es hatte alles seine ursprüngliche Funktion und tat auch das, was ich gerade wollte...
"Es war sehr schwierig...", erzählte er, "...aber jetzt ruhen Sie sich einmal aus!" und geleitete mich hinaus aus dem Raum, wo zugleich meine Lieben mir mit verweinten Gesichtern um den Hals fielen...

Diese Hände werde ich niemals vergessen.
Diesen Kampf werde ich ewig in Erinnerung behalten.
Der Schmerz war unbeschreiblich, unerträglich - ganz einfach furchtbar.
Aber das weiß ich nicht mehr, wie genau... ich durfte ihn vergessen. Den Schmerz. Er war da, wie nie zuvor. Aber sogleich auch wieder weg. Auch aus meinem Kopf.

Ich will nie mehr wieder eine solche Situation erleben!

- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
Zitat:
Es ist unglaublich, wieviel Kraft die Seele dem Körper zu leihen vermag.
Zitat Ende.
(Wilhelm von Humboldt)